Philosophie
Licht ist ein Zaubermittel
Sehen ist kein simpler Vorgang wie bei einer Kamera – Photonen durch die Linse, fertig ist das Bild -, nein, Sehen ist eine konzentrierte Aktion des Gehirns. Da Licht, das durch die Augen auf die Netzhaut fällt, wird von dort auf die Nervenbahnen zu einer Region weitergeleitet, die man auch „das Vergnügungsviertel des Gehirns“ nennen kann.
Wenn auf dieses Viertel trüb-graues Licht fällt, ist Schluss mit lustig. Der so genannte Hypothalamus steuert den Hormonhaushalt. Wandelt Licht in Stimmung um, indem die entsprechenden Hormondrüsen das Signal erhalten, Botenstoffe des Wohls oder Missbefindens auszuschütten und unsere biologische Uhr, zuständig für den Schlaf-Wach-Rhythmus, zu alarmieren.
Dieser Taktgeber, die Zirbeldrüse, produziert bei Unterbelichtung“ Melatonin, ein in den USA inzwischen verbreitetes Schlafmittel. Es schaltet den Organismus auf Sparflamme, wir werden müde. Gegen Morgen geht die Melatonin-Produktion zurück und der Körper schaltet wieder auf „on“.
Da Antriebslosigkeit und Schwermut, unter der viele in der dunklen Zeit leiden, mit sehr hellen Tageslichtlampen beizukommen ist – in vielen Fällen jedenfalls -, schloss man zuerst, das zu viel Melatonin nicht nur die Aktivität senkt, sondern auch die Stimmung lähmt. Es stellte sich heraus, dass depressive Menschen nicht mehr Melatonin im Blut hatten als gesunde Menschen. So geriet ein anderer Stoff in Verdacht, der auch auf den Kontrast Hell/Dunkel reagiert: Serotonin, ein Stoff für Wohlgefühle.
Viel Licht verhindert dessen Abbau, so dass wir an sonnigen Tagen optimistischer und kommunikativer sind als an trüben. Zum Teil ist dies wohl auch Ursache unserer Sehnsucht nach einem Leben im Süden.
Menschen sind Augen-Wesen. 80 Prozent aller Sinneseindrücke bekommen wir über den Sehnerv ins Gehirn geliefert.
Erst seit rund hundert Jahren können wir den Tag durch elektrisches Licht verlängern – ein Moment nur, verglichen mit den zwei Millionen Jahren, die unsere Vorfahren tags mit der Sonne und später abends mit dem Schein von Lagerfeuern oder Kerzen verbrachten.
Dieses Erbe tragen wir immer noch in uns: oben am Himmel die starke weißgelbe Sonne, die aktiviert, unten am Boden das rötliche Lagerfeuer, das entspannt. Verglichen mit dem Tageslicht draußen sind das, was wir in Haus haben, Funzeln: An einem sonnigen Tag werden wir im Freien mit 10 000 bis 100 000 Lux aufgehellt. Ein trüber Tag in Mitteleuropa bringt es immerhin noch auf etwa 3 000 Lux. Im Haus schwankt die „elektrische Helligkeit“ zwischen 500 und 1 000 Lux – eine Art Dämmerung. Und dabei geht´s uns noch gut.
Goethe musste an seinem Schreibpult mit etwa 150 Lux auskommen. Aber mehr Licht ist nicht dasselbe wie besseres Licht. Ein Scheinwerfer über dem Kopf ersetzt ja auch keine Mittelmeerferien. Wer stundenlang von gleich bleibend hellem Kunstlicht bestrahlt wird, der leidet unter Lichtstress wie ein Huhn in der Legebatterie. Das Überangebot an Helligkeit geht buchstäblich auf die Nerven und stumpft die Netzhaut ab. Wie also bitte setzen wir uns ins rechte Licht?
Wir haben einen angeborenen Helligkeitssinn, er ist dem Wechsel von Tag und Nacht angepasst.
Bio-Licht, wenn man das so nennen kann, ist nicht monoton. Es ändert sich pausenlos mit dem Lauf der Sonne und mit den Schatten der Wolken und Bäume. Gerade die Bedeutung des Schattens dürfen wir bei der Lichtplanung nicht vernachlässigen, denn unsere Sinne leben von Kontrasten.
So seltsam das klingt: Unser Sehapparat muss genauso ständig gefordert werden, wie unsere Muskeln, um fit zu bleiben. Das, was wir sehen, ertasten wir mit den Blicken aus dem dunkleren Umfeld. Der Architekt Hugo Kükelhaus, spezialisiert auf die Wechselwirkungen zwischen Organismus und Technik, hat das so ausgedrückt: „Lebendiges benötigt zu seiner Entfaltung der Herausforderung und Störung. Die Herausforderung, die das Sehvermögen zu seiner Funktion benötigt, sind Wandel und Wechsel, sogar Ungewissheit im Bereich des Sichtbaren. Eine Kugel wird bei totaler Ausleuchtung als flache Scheibe gesehen, während sie bei nur einseitiger Beleuchtung und mit Schatten als das erscheint, was sie ist: ein dreidimensionaler Körper“. Auch ein homogen heller Raum ohne Schatten wirkt platt und langweilig.
Wie kann man die Lichtwirkung vorab testen? Lichtplaner empfehlen: Man nehme eine Schreibtischlampe am langen Kabel um zu prüfen, wie sich der Raum je nach Lichteinfall verändert; mal den Lichtkegel nach oben (indirektes Licht) richten, mal nach unten, die Lampe niedrig halten oder höher, und jedes Mal wechselt die Lichtfarbe mit der Höhe der Lampe. Die niedrige Leseleuchte wirkt anheimelnder und wärmer, Licht von der Decke freier und großzügiger.
Für den Wohnkomfort braucht man unterschiedliche Lichtsituationen: einmal eine leistungsstarke zentrale Lampe, die den Raum ausleuchtet (Licht von oben und indirektes Licht), die an trüben Tagen frische und Helligkeit liefert, damit man überhaupt richtig wach wird. Zum Zweiten konzentrierte Inseln mit wärmendem Licht zur Entspannung am Abend. Das Auge empfindet dann gleißende Helligkeit als anstrengend, es ist der Schatten, der die Wohnung abends spannend macht.
Die Beschäftigung mit Architektur im Freien lehrt, den Schatten zu achten und zu planen. Hier können sich die Sinne erholen. Die Dunkelheit zu pflegen kommt unserem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus entgegen.
Deshalb sind wir im Dunkeln nicht blind. Unser Sehapparat ist so anpassungsfähig, dass wir selbst bei 0,01 Lux noch etwas wahrnehmen können. Man muss den Augen nur etwas Zeit zum Eingewöhnen lassen. Aber so weit müssen Sie es ja in Ihrer Wohnung nicht kommen lassen.